Die letzten Weisskubisten

Diese Arbeit besteht einerseits aus persönlichen Explorationen zu Ausstellungspraxen in Kunstmuseen, wovon ich im Folgenden Auszüge nenne. Andererseits umfasst sie 14 Zeichnungen und eine dazugehörige Ausstellungsbeschreibung einer von mir kuratierten Kunstausstellung, welche im Jahr 2323 im Mars National Museum stattfindet. Diese zeige ich in einem zweiten Teil.

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Wie beeinflussen Ausstellungsbeschreibungen und die Umgebung in Kunstmuseen die Wahrnehmung der ausgestellten Arbeiten?

Selbstexperiment

Im Kunstmuseum Winterthur habe ich in den beiden Ausstellungen «One Thousand Times» von Sung Tieu und «Edge, Hour, Substance» von Jan Vorisek ein Selbstexperiment gemacht. Ich habe die Ausstellungen besucht, ohne die Ausstellungsbeschreibungen zu konsultieren, und habe mir Wörter notiert, die mir dazu in den Sinn gekommen sind. Anschliessend habe ich die Ausstellungsbeschreibungen gelesen und gezählt, wie viele meiner Wörter sinngemäss im Text vorkommen. Die Ergebnisse waren wie folgt:

Sung Tieu: «One Thousand Times»:

Anzahl Wörter von mir: 52

Anzahl vorkommende Wörter im Text: 19

Relativer Anteil vorkommender Wörter: ~37%

Jan Vorisek: «Edge, Hour, Substance”:

Anzahl Wörter der Wortkette: 43

Anzahl vorkommende Wörter im Text: 15

Relativer Anteil vorkommender Wörter: ~35%

Der relative Anteil der im Text vorkommenden Wörter ist bei beiden Arbeiten fast gleich. Dieses Resultat kam für mich unerwartet, da ich, hätte ich eine Hypothese aufstellen müssen, um Einiges mehr vorkommende Wörter bei Sung Tieu erwartet hätte als bei Jan Vorisek. Ich hatte das Gefühl, erstere Ausstellung viel besser verstanden zu haben. Anzumerken ist, dass meine nicht im Text vorkommenden Wörter bei Jan Vorisek viel diverser sind als bei Sung Tieu. Ein qualitativer Blick lohnt sich demnach auch.

Eine mögliche Folgerung aus dem Experiment ist, dass der Anteil der sinngemäss vorkommenden Wörter mit einem guten Drittel relativ klein ist. Es bedeutet nämlich, dass der Ausstellungstext möglicherweise zwei Drittel meiner Gedanken zur Ausstellung umlenken würde, hätte ich ihn vorher gelesen. Um diese These belegen zu können, wären allerdings weitere Experimente notwendig.

Räume und Texte

Äussere Umstände entscheiden massgeblich darüber, als wie künstlerisch etwas wahrgenommen wird. Da ist der leere weisse Raum, der zum Kunstwerden beiträgt, und die Positionierung und die Zusammenstellung mit anderen Objekten. Da sind Künstler*innennamen, welche durch Ausstellungsbeschriebe verraten werden. In Ausstellungsbeschreibungen wird Kontext gegeben. Das Objekt entschwindet seines realen Selbst und übernimmt die Funktion eines Bedeutungsträgers. Sprachliche Definitionen beginnen zu versagen, da es nicht mehr das ist, was es im Alltag war. An dieser Stelle könnten die ästhetische Differenz (Bazon Brock)1 und die Eigengesetzlichkeit (Carl-Peter Buschkühle)2 ansetzen. Diese sind wohl menschgemacht, müssten aber bis zu einem gewissen Grad unbestimmt bleiben, um ästhetische Erfahrungen zu ermöglichen (Judith Siegmund)3. Nun fragt sich, ergibt sich dieser unbestimmte Anteil aus mehr oder weniger bewussten Lücken der kunstschaffenden Person, oder ergibt sie sich aus der auf persönlichen Erfahrungen beruhenden Wahrnehmung des Publikums? Ist ein mit Lücken durchsetztes Kunstobjekt gültig oder notwendig und müssen diese Lücken durch Sprache geschlossen werden?

Sammlung aus der Skillwoche „Kunst: Mehr sehen!“ an der ZHdK (schwarz) und eigene Ergänzungen (blau)

1: vgl. Buschkühle, C.-P. (2010). Die Welt als Spiel. II. Kunstpädagogik. Theorie und Praxis künstlerischer Bildung (2. Aufl.). Oberhausen: ATHENA-Verlag. S. 56-58.

2: vgl. Adorno, 1980, S. 152ff, zitiert nach Buschkühle, C.-P. (2010). Die Welt als Spiel. II. Kunstpädagogik. Theorie und Praxis künstlerischer Bildung (2. Aufl.). Oberhausen: ATHENA-Verlag. S. 118.

3: vgl. Siegmund, J. (2007). Die Evidenz der Kunst. Künstlerisches Handeln als ästhetische Kommunikation. Bielefeld: transcript Verlag. S. 21ff.

Wie steht es in 300 Jahren um die Kunstmuseen?

Im Rahmen der Skillwoche „Kunst: Mehr sehen!“ an der ZHdK durfte ich mit der Gruppe eine Diskussion zu meiner Frage führen. Im folgenden Gespräch gebe ich interessante Gedanken gekürzt und aus der Erinnerung wieder.

«Wie stellt ihr euch Kunstmuseen 300 Jahre in Zukunft vor?»

«Ich denke, die Werke würden in einem Hologramm gezeigt werden. So wäre die Ausstellung auch unabhängig, sie könnte z. B. an Schulen gezeigt werden, ohne dass die Klassen ins Museum gehen müssen.»

«So könnte die Ausstellung überall gleichzeitig und auf Knopfdruck gezeigt werden. Denkt ihr, die Erfahrung in einer digitalen Ausstellung ist die gleiche wie in einem physischen Museum?»

«Nein, man kann den Raum ja so nicht erfahren. Es ist da, aber doch nicht als Original. Aber als Hologramm liesse sich schon ein ziemlich genauer Eindruck erhalten.»

«Was würde es mit der Kunst machen, wenn sie überall erhältlich wäre? Wie wäre der Umgang mit diesen «Replikaten» im Verhältnis zum Original?»

«Das Original bleibt schon wichtig, dieses könnte wirklich in einem Museum sein.»

«Das bedeutet, es würde die überall verfügbaren digitalen Ausstellungen geben, aber doch noch Museen, wie es sie heute gibt.»

«Ja, diese physische Erfahrung kann nicht ersetzt werden. Ich denke, mit einer VR-Brille könnte das Erlebnis dem im Museum sehr nahe kommen.»

«Und doch sind es nicht die Originale, die zu sehen sind. Macht diese Materialität der Kunstwerke etwas aus in der Wahrnehmung?»

(Nachträglicher Gedanke: Kunstwerke dürfen sowieso in den meisten Fällen nicht angefasst werden. Somit kann die Materialität sowieso nur visuell wahrgenommen werden. Pragmatisch gesehen hinkt eine VR-Brillen-Ausstellung dieser Wahrnehmung also nicht hinterher.)

«In Zukunft könnte es sein, dass die Menschen Replikate von allen Kunstwerken bei sich zu Hause anfertigen können, die sie haben wollen.»

(Nachträglicher Gedanke: Was ist mit dem kuratorischen Aspekt? Wenn Leute alle Werke zu Hause nachbilden können, dann ist das keine kuratierte Ausstellung. Im Museum hingegen handelt es sich um kuratierte Ausstellungen.)

«Damit wäre der Zugang zu Kunst für alle gegeben, ein Idealzustand also.»

«Wie gehen wir dann mit diesen zwei «Gattungen» um, den Originalen und den Replikaten? Wo bleibt die Kunst?»

«Es ist eben eine neue Art von Kunst, wir könnten sie Knust nennen.»

«Lasst uns über die Einzigartigkeit eines Kunstwerks sprechen. Wird diese nicht untergraben, wenn es so oft, wie es beliebt, als «Knust» reproduziert werden kann? Gibt es dann überhaupt noch ein Original und einen Urheber?»

«Ja, das Original würde schon aufbewahrt und gezeigt werden, und der Urheber wäre auch klar. Er behält die Urheberrechte.»

«Somit sind Knustwerke eigentlich Fälschungen.»

«Das ist jetzt spannend. Wir haben also Fälschungen, die die Ausstellungen in Kunstmuseen ersetzen.»

«Es gibt die Theorie, dass das eigentliche Kunstwerk die inhaltlichen Gedanken hinter einem Werk sind und das physische Objekt bloss ein Stellvertreter für diese Gedanken. Würde das heissen, dass die Übersetzung eines inhaltlichen künstlerischen Gedankens in ein physisches Objekt wegfallen würde, also dass der inhaltliche Gedanke von der kunstschaffenden Person geschaffen wird, der physische Ausdruck davon aber von jeder Person selbst?»

«Woher weiss man denn, wie dieses physische Objekt aussehen würde?»

«Ja, das ist in der Tat ein Problem. Vielleicht kann das jede Person für sich selbst entscheiden. Sie wählt die physische Umsetzung, die ihrer Übersetzung des künstlerischen Gedankens entspricht.»

(Nachträglicher Gedanke: Wenn dem so ist, wer ist dann die kunstschaffende Person? Ist das Übersetzen in ein wahrnehmbares Objekt in der Kunst nicht genauso wichtig wie die Kreation eines inhaltlichen künstlerischen Gedankens?)

Vielen Dank an Sascha, Nelly, Patrik, Mathan, Nicole, Florine, Jan und Bernadett fürs Mitdiskutieren!

Mars National Museum: Die letzten Weisskubisten

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Viel Spass!